Interview mit einer Trageberaterin
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Interview mit einer Trageberaterin

Hallo Jennifer, du bist eine ausgebildete Trageberaterin, stelle dich doch bitte kurz vor…

Ich bin Jennifer Mette, habe 3 Kinder und davon ist eins noch ein Tragling und manchmal auch noch die 4 Jährige bei Müden Füßen. Bin 31 Jahre Jung und meine Leidenschaft beim Tragen der Kinder wurde für mich zur Berufung.

wie kamst du dazu Trageberaterin zu werden? War die Ausbildung schwer?

Ich bin Trageberater geworden, aus dem Grund, das ich nun 3 Kinder habe und die weitere Familienplanung abgeschlossen ist aber die Leidenschaft zum Tragen soll damit nicht beendet sein. Diese Nähe, Liebe und Enge Bindung möchte ich gerne auch anderen Mamas vermitteln. Mit ganz viel Ruhe möchte ich zusammen mit den Eltern, Großeltern oder der Tragenden wichtigen Person und der Babys/Kleinkinder die richtige optimale Trageweise finden die zu ihnen passt.

Die Ausbildung selbst war für mich nicht so schwer, da ich mich schon vorher um das Thema Tragen auseinander setzte. Allerdings lernte ich erst in der Ausbildung ganz viele wichtige Punkte die ich vorher nicht wirklich wusste. Was auch wieder viel FÜR eine Trageberatung spricht. Denn kleinste Griffe und Erklärungen können schon den Tragenden um einiges das Tragen erleichtern und das Wissen darüber auch viel mehr Sicherheit geben.

Warum geht heutzutage immer mehr der Trend, eine Tragemama oder ein Tragepapa zu werden?

Naja ich selbst sehe eher, das wir wieder mehr uns von dem Thema  „Entfernung zum Kind“ und sonstige Thematik, die aus der Zeit der Kriegszeiten herum entstand, uns lösen und zu dem wirklichen instinktiven der Natur zurück gehen. Denn getragen wurde schon immer, es ist also keine Modeerscheinung. In der Kriegszeit war nur mehr Distanz zum Kind und sogar auch am besten keine Verweichlichung der Entwicklung gern gesehen, es war eine edle Etikette sein Kind auf Distanz zu halten , von Ammen zu stillen und im Kinderwagen fahren, weinen zu lassen damit man keinen „Tyrannen“ sich erzog (nachlesbar sogar in Büchern „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“). Auch ist in dieser Zeit der Kinderwagen erfunden worden. Denke das sagt schon viel aus.

Erzähle mal, was gibt es für Tragehilfen? Was ist der Unterschied zu Fullbuckle und Halfbuckle Tragehilfen?

Die Unterschiedlichen Oberbegriffe der Tragehilfen sind Fullbuckel und Halfbuckel.

Zur Fullbuckel zählen die komplett geschnallten Tragen,– Hüftgürtel geschnallt und auch die Träger sind mit Schnallen ausgestattet.

Halfbuckel sind alle, wie das Wort schon sagt, nicht komplett geschnallt. Hierunter fallen mei tais, Wrapconversen usw. aber auch da gibt’s wieder weitere Unterkategorien, es gibt:

  • Wrapconversen (Träger sind auffächerbar und der Hüftgurt ist zum binden)
  • Hybrid Wrapconversen mit Hüftschnalle,
  • Mei Tais (Gepolsterte Träger zum binden),
  • Onbuhimo sind ohne Hüftgurt und ausschließlich für auf dem Rücken tragen gedacht.

Viele Firmen nutzen ihre eigenen leicht abgeänderten Begriffe, bei Kokadi ist die Fullbuckel der Flip, die Wraptai ist die klassische Wrapconversen und die Wrapstar die Hybrid mit Hüftschnalle, die Taitai ist eine Mei Tai usw. Bei der Firma Fidella ist die Wrapconversen z. B. die Flytai.

Ab wann darf auf dem Rücken getragen werden?

Wenn es zu euch passt und das Kind mehr von der Umwelt sehen mag. Empfehlung ist ab dem 3. – 4. Monat mit einem Tragetuch. Aber auch hier kommt es auf den Träger und das Kind an. Jeder hat sein eigenes Optimum.

Was ist der Vorteil von einem Tragetuch und gibt es auch Nachteile? Welche Tuchlänge ist für welche Person richtig – ich meine, zwecks dem Körperbau und größe?

Die Vorteile eines Tragetuchs sind ganz klar das sie immer passend angelegt werden können mit unterschiedlichen Bindeweisen zum optimalen Tragen für Kind und Träger. Es ist von Geburt bis Ende der Tragezeit nutzbar, während bei den vielen Tragehilfen unterschiedliche Größen benötigt wird. Eben je nach Wachstum des Kindes angepasst werden muss.

Die Größe ist auch hier auf den Träger zu schauen, aber in der Regel reicht oft die Größe 6 bei den Meisten aus um vieles binden zu können. Natürlich wenn man kleiner und schmaler gebaut ist kann auch eine 4 oder 5 ausreichend sein und auch umgekehrt bei großen Personen und mehr Körperumfang eine 7 oder seltens eine 8.

Auch zum binden eines einfachen „Rucksackes“ reicht auch ein Shorty (kürzeres Tuch Gr. 4) oft aus.

Das gleiche über die Tragehilfen, welche Vor und Nachteile haben diese?

Es muss zu jedem selbst passen daher gibt’s unterschiedliche Tragen mit unterschiedlichen Vor- und Nachteilen die aber genauso unterschiedlich gut sind. So kann das was die beste Freundin/Freund empfindet und als empfehlenswert findet nicht das richtige für dich sein. Daher distanziere ich mich vom Gut und schlecht auch. Denn jeder ist so individuell wie sein Kind und auch so die vielen unterschiedlichen Tragehilfen.

Wie findet man die richtige Trage für sich und das Baby?

Dafür empfehle ich jedem eine Trageberatung in Betracht zu ziehen, um alles zu testen und zusammen zu sehen was zu einem passt und was nicht. Trageberater/innen haben sehr viele unterschiedliche Modelle von den jeweiligen Firmen dabei, man kann vieles ausprobieren. Auch um gezeigt zu bekommen, wie diese richtig anzulegen sind. 

Ist eine Trage schon vorhanden, so kann auch diese dem Trageberater gezeigt werden, um Tipps und Tricks zu bekommen, wie diese ggf. optimiert werden kann.

Warum ist es so wichtig, sein Baby in der Anhockspreizhaltung zu tragen, und warum sollte man sein Kind nicht vorwärtsgerichtet tragen?

Diese Frage lässt mich schmunzeln… Hier kommen wir wieder zu den gerne gegebenen Ratschlägen, die Träger verunsichern wegen „Fehlern“. Mal um alle Vorurteile vorzugreifen, es gibt kein falsches Tragen, jedes getragene Kind ist gut so. Anatomisch ist die Wirbelsäule fürs tragen ausgelegt aber nicht fürs Schieben im Kinderwagen. Aufrecht haben wir Stoßdämpfer die Bewegungen abfedern (Bandscheiben) und im Liegen gehen alle Unwuchten direkt auf die Wirbel (egal wie gut die Federung des Kinderwagens ist).

Aber weder das inkorrekte nicht angehockte Kind noch das nach vorne getragene Kind hat irgendwo körperlich nachweisliche Schäden erwiesen. Man kann aber mit der Gut angelegten Anhockspreizhaltung die Hüftreifung unterstützen und wird daher empfohlen. Bei nach vorne gerichtete Tragen, da gibt es auch die ein oder andere Tragehilfe die die Anhockspreizhaltung unterstützt, ist der einzige Punkt warum  es nicht empfehlenswert ist, die Überreizung des Kindes. Es kann sich nicht zurück ziehen und ist all der Umweltreize ausgesetzt. Daher sagt man maximal 15 min. nach vorne gerichtet Tragen. Noch besser, lieber zum „mehr sehen“ lassen, das Kind auf dem Rücken tragen.

Der einzige wirklich gefährliche „Fehler“ ist, das zu sehr einbauen am Kopf des Kindes. Es sind zwar keine falschen Trageweisen mit Spätfolgen bekannt aber sehr wohl Erstickungsanfälle. Oft wird hier zuwenig darauf geachtet. CO2 Nester sind das wirkliche Gesundheitsrisiko daher bitte keine Schale umbinden und die Kopfstützen auch nur quer nutzen bzw. einseitig nutzen um die Luftzufuhr zu gewähren. Auch sollte bei Jacken (Tragejacken) an kühleren Tagen darauf geachtet werden das die Luftzufuhr gegeben ist.

Von welchen Tragehilfen ratest du ab? Gibt es da welche?

Ich rate keine Trage ab, denn aus jeder Tragehilfe kann man das optimale mit kleinen Hilfen herausholen. Ich kann nur sagen das es eventuell andere einfachere Tragehilfen gibt, ohne diese „Pimpen“ zu müssen.

Welche (Anfänger) Fehler werden am häufigsten gemacht?

Niemand ist perfekt und keiner macht gravierende Fehler solange das Kind gesichert getragen wird und die Luftzufuhr zum Kind gesichert ist.

Es ist niemanden geholfen, einer Tragenden Mama Fehler einzureden und diese sich dann aus Unsicherheit, wieder dem Kinderwagen schieben widmet. Es gibt nur Verbesserungen und erleichternde, gut zu wissende Handgriffe die hier ein Trageberater gerne Zeigen kann.

Wie kann man Rücken-, Kopf- und Nackenschmerzen vorbeugen?

Diese lassen sich umgehen mit der richtigen Einstellung der Tragehilfen und das richtige Platzieren der Träger. Nacken- und auch Kopfschmerzen beim tragen können aufgrund des Druckes auf den „muskelus trapezius“ zurück führen. Das ist wenn die Träger zu nah am Hals verlaufen. Rückenschmerzen können entstehen wenn z. B. die Sicherheitsschnalle nicht richtig platziert ist.

Zu pauschalisieren, wie welche Träger verlaufen sollte, kann man nicht, denn jeder Körperbau ist anders von Tragemama/Tragepapa und dem Tragling. Somit kann es auch sein, dass eine Mama mit einer Trage zurecht kommen, diese aber für den Papa ungeeignet ist. Auch hier ist wieder sehr empfehlenswert eine Trageberatung direkt vor Ort zu besuchen.

Vielen Dank, liebe Jenny für deine Zeit und die wertvollen Informationen!

Die Seite von Jennifer Mette „Bindungsnah Trageberatung“ findest du auf Facebook.

Eine Trageberatung in deiner Nähe kannst du hier finden.

Mein Fazit:

das Tragen an sich ist sehr umfangreich und individuell auf Eltern und Baby abgestimmt. 

Wir tragen liebend gerne, haben aber auch einige Fehler gemacht gehabt und in eine Trageberatung vor Ort investiert. Trageeltern zu sein ist echt ein tolles Gefühl von Liebe, Verbundenheit, Vertrauen, Nähe, Geborgenheit! Ich möchte es nicht mehr missen wollen, der Tragepapa auch nicht. Auch im Alltag ist das Tragen eine enorme Erleichterung und Bereicherung für uns 🙂

Eine Warnung vornweg: Tragen kann süchtig machen – Hilfe findest du in den jeweiligen Tragegruppen auf Facebook, oder auch nicht 😉

Hier findest du noch eine Bildergalerie, wie das Tragen in den Verschiedensten Alltagssituationen oder beim Wandern aussehen kann. Vielen lieben Dank auch an meine zwei Freundinnen, die mir die Bilder zur Verfügung gestellt haben. Ich habe deren Einverständnis, dass die Kinder und sie selbst nicht unerkenntlich gemacht werden müssen.

 

Eure Jana